Frank Pergande - Text: F.A.Z., 04.08.2006, Nr. 179 / Seite 32

"Den Nachlaß von Hans Fallada sollte man in einem der großen deutschen Literaturarchive vermuten. Tatsächlich liegt er seit dem DDR-Ende im mecklenburgischen Neubrandenburg. Dort wird er von einem Literaturzentrum betreut, das zu einem Verein gehört und hauptsächlich von der Stadt finanziert wird. Kürzlich hat die Stadt angekündigt, nur noch bis Ende 2007 zu zahlen. Begründet wird das mit der Haushaltslage (F.A.Z. vom 3. und 27.Juli). In Wahrheit geht es um einen politischen Konflikt. Denn um das 1971 von der SED-Bezirksleitung Neubrandenburg gegründete Literaturzentrum haben sich Leute gesammelt, denen die DDR noch immer nicht untergegangen ist. Als würde sich Falladas unstetes Leben über seinen Tod hinaus fortsetzen, ranken sich auch um den Nachlaß verrückte Geschichten. Die Manuskripte lagerten im Keller eines Braunschweiger Geschäftsmannes, wurden von der DDR aufgekauft und nach Feldberg gebracht, wo Fallada die Zeit des Nationalsozialismus überstanden hatte und nach dem Krieg für kurze Zeit Bürgermeister gewesen war.

Auch die Geschichte des Fallada-Archivs könnte von Fallada selbst stammen. Staatliche Willkür kommt darin vor wie auch Zuträgerschaft der Staatssicherheit, Mißgunst unter Funktionären und persönliche Vorteilsnahme. Vor kurzem wurde in dem alten Archivgebäude noch eine Wanze der Staatssicherheit gefunden. Es gab Streit darüber, wem die Abhöreinrichtung gehört. Dem neuen Hausbesitzer, dem Staat oder als Andenken den alten Genossen? Die Geschichte des Fallada-Archivs hat Sabine Lange in den Akten recherchiert und aufgeschrieben, unterstützt vom Schweriner Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes. Jahrelang war Frau Lange die Archivarin. Sie wurde in der DDR-Zeit suspendiert, wiedereingestellt und nach dem DDR-Ende wegen Unbotmäßigkeit entlassen - übrigens von derselben Vorgesetzten. Frau Lange ist also Partei und zeigt es auch. Das macht das Buch angreifbar. Dennoch: Man legt es nicht aus der Hand, so fesselnd sind die Geschichten, die darin erzählt werden. Es bleibt ein unangenehmes Gefühl. Zeigt doch der Streit über das Literaturzentrum, daß es mit der DDR noch immer nicht ganz vorbei ist."

Sabine Lange: "Fallada - Fall ad acta?" Sozialistische Erbepflege und das Ministerium für Staatssicherheit. Edition Temmen, Bremen 2006. 144 S., br., 12,90 [Euro].

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Deborah Vietor-Engländer, Germanistik, Band 47, 2006: Lange: „Fallada“

S. Lange war von 1984 bis 1999 Archivarin des Hans-Fallada-Archivs in Feldberg. Nach ihrer fristlosen Kündigung 1999 arbeitete sie im Auftrag des Schweriner Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes die Akten zu Fallada auf. Sie schildert im vorl. Bd. Nicht nur die Geschichte ihrer eigenen Stasi-Überwachung, sondern leistet auch ein Stück DDR-und Stasi-Geschichtsaufarbeitung, wie sie spannender kaum sein könnte. Die Geschichte reicht von der abenteuerlichen Entdeckung des Fallada-Nachlasses, der sich jahrzehntelang unvollständig und geplündert im Keller eines Braunschweiger Metzgers befand, bis hin zum Fund einer versteckten „Wanze“ im Vorraum ihres Archivbüros, Abbildungen aus Stasi-Akten, Verpflichtungserklärungen und Berichte von IM`s der Stasi vervollständigen das Bild, wie Fallada (Rudolf Ditzen) von der Stasi missbraucht und seine erste Frau, die Dichterwitwe Anna Ditzen, für kulturpolitische Zwecke benutzt wurden. Auch wird auf den Fall des Fallada-Biographen W. Liersch eingegangen. Das Kap. „Der Missbrauchte“ in Lierschs neuem Fallada-Buch (vgl. Germanistik 47.2006 Nr. 6146) bestätigt die IM-Verwicklungen und das Prinzip der Fallada-Gesellschaft, das, wie es scheint, lautet: „Irgendwie wird sich schon alles im Sande verlaufen“ (Liersch,100) Seit 1999 ist der Nachlass im Brigitte Reimann-Haus in Neubrandenburg untergebracht und finanziell nur noch bis Ende 2007 abgesichert. Aufgrund von Langes Recherchen wäre eine „grundlegende“ Neuordnung und Neuorientierung“ (136) jetzt möglich. Ob sie kommt?

Lange, Sabine: Fallada- Fall ad acta? Sozialistische Erbepflege und das Ministerium für Staatssicherheit-Bremen: Ed. Temmen, 2006. 144 S.; ISBN 3-68108-089-3. 12,90 Euro

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Detlef Stapf - Fallada in falschen Händen Nordkurier - 18.07.2006 Rehabilitierung

Als Folge eines Arbeitsrechtsprozesses entsteht ein dokumentarischer Einblick in die restriktive Verwaltung eines Dichtererbes. Von Detlef Stapf Feldberg.

Es war im August 1999. Das Neubrandenburger Literaturzentrum (LZ) kündigt Sabine Lange fristlos. Ihr Vergehen: Die langjährige Fallada-Archivarin hatte sich geweigert, im Brigitte-Reimann-Literaturhaus als einem "Ort der Unfreiheit" ihre Gedichte vorzutragen.

In einem folgenden Arbeitsrechtsprozess konnte die Lyrikerin nicht beweisen, dass dem LZ das Attribut "unfrei" zuzuordnen sei. Da nützte auch ein juristischer Berater nichts, der Bernhard Schlink heißt, dessen Roman "Der Vorleser" 1995 ein Bestseller wurde und der als Berliner Jura-Professor über "Denunziation und Verrat vom Mittelalter bis zur Neuzeit" forscht. Dieses Verfahren vor dem Neubrandenburger Landgericht ist nach 1989 eines von zahlreichen in Ostdeutschland, in dem mit juristischen Mitteln den Folgen von DDR-Unrecht durch die Würdigung der politischen Umstände nicht beizukommen war. Einzigartig scheint der Fall dadurch, dass die heute 52-jährige Feldbergerin zum zweiten Mal vor politischem Hintergrund aus ihrem Job geflogen ist. Das erste Mal bereits 1988 durch eine Stasi-Intrige. In beiden Fällen spielte die frühere Leiterin des LZ, Heide Hampel, die maßgebliche Rolle. 1999 allerdings war die Kündigung von dem SPD-Politiker und Vorsitzenden des Literaturzentrum e. V. Joachim Lübbert unterzeichnet.

Sabine Lange hat ihr Buch "Fallada. Fall ad acta?" in erster Linie geschrieben, um zu beweisen, was ihr unter den Umständen des Gerichtssaals nicht möglich war. Dabei ist der Text von einer Rechtfertigungsprosa weit entfernt. Man könnte die 144 Seiten den Versuch einer Annäherung an die schmerzhaften Berührungspunkte von eigenem Schicksal und der politischen Geschichte nennen. So entstand auch eine Studie über die Vereinnahmung des Dichters Hans Fallada durch den DDR-Staat, die ideologischen Hintergründe, die Umdeutungen des Werks, die Reglementierung beim Zugang zum Nachlass, die Protagonisten restriktiver Erbepflege bis zum ignoranten Umgang mit dieser Geschichte im LZ wie in der Hans-Fallada-Gesellschaft (hfg).

Dabei ist es zum ersten Mal gelungen, an einem Beispiel ein Stück der Anatomie von DDR-Literaturpolitik freizulegen, über die nur ein Insider so detailliert berichten kann. Die gewählte dokumentarische Methode der Autorin hat einen authentischen Ausgangspunkt. Sie zeigt an Hand von Auszügen aus den "Tagebüchern einer Archivarin", was sie damals im Feldberger Fallada-Archiv wahrnehmen und vermuten konnte. Aus der heutigen Sicht wurden aus unterschiedlichsten Quellen wie in einem Puzzle die Erklärungs stücke hinzugefügt. Diese offenbarten Akten des Landeshaupt archivs Schwerin, des Bundes archivs in Lichterfelde, des Archivs der Akademie der Künste und die der Birthler-Behörde. Wobei der Nachlass des Ministeriums für Staatssicherheit als hauptsächliche Erkenntnisquelle diente und die These stützt, dass die Stasi bei so ziemlich allen Vorgängen um den Fallada-Nachlass die beeinflussende Instanz im Hintergrund bildete. Gleichwohl zeigt Sabine Lange die Aktivitäten des DDR-Geheimdienstes immer als Teil staatlichen Bestrebens nach totaler Kontrolle des Kulturbereiches Literatur. Das Feldberger Fallada-Archiv betreffend ging es den Kontrolleuren um die Gewährleistung eines selektiven Zugangs zu den Originalquellen, um das ideologisch verengte Bild vom Dichter der kleinen Leute nicht zu beschädigen. Das reichte von einer restriktiven Benutzerordnung über die Denunzierung potenzieller Nutzer bis zur Behinderung der Forschung auf alle erdenkliche Weise.

Geschildert wird dies insbesondere am Beispiel eines amerikanischen Studenten mit einer Schweizer Autonummer und einem bundesdeutschen Pass, dessen Forscherinteresse an Fallada eine Überwachungsaktion absurden Ausmaßes nach sich zog, die aus der MfS-Akte OPK "Historiker" rekonstruierbar war. Als man im Juni 1988 beim Grenzübertritt des Studenten Fotokopien vom Feldberger Archivgut fand, wurde die Archivarin der Komplizenschaft verdächtigt, durch die LZ-Leiterin Heide Hampel suspendiert und nach zwei Monaten später ohne jede Erklärung wieder eingestellt. Allerdings nicht ohne Folgen. Anfang 1989 kündigte die fürsorgliche LZ-Chefin zwei Herren der Staatssicherheit im Feldberger Eichholz an, die Sabine Lange helfen wollten, "aus der Sache wieder herauszukommen". Dabei ging es um die erpresserische Anwerbung, den Hamburger "Spiegel"-Journalisten und Fallada-Spezialisten Hannes Lamp zu bespitzeln. Die Archivarin weigerte sich auch bei einem zweiten Besuch, Informationen zu liefern. Nur das Ende der DDR befreite sie aus dieser Bedrohungslage.

Der Autorin liegt daran zu zeigen, dass im LZ wie in der 1991 gegründeten Hans-Fallada-Gesellschaft (hfg) die geistige Haltung der DDR-Erbepflege schon deswegen fortgesetzt wird, weil sie nicht grundsätzlich kritisch bewertet wird. Als einen Grund führt sie an, dass in den Vorständen von LZ und hfg einstige IM des MfS mit öffentlichen Geldern weiterhin Literaturpolitik maßgeblich beeinflussen. Das Buch wirft grundsätzlich die Frage auf, ob man es zulassen kann, dass ein Dichtererbe von nationalem Interesse in einer solchen Obhut verbleiben kann? Dem ist - und da schließt sich möglicherweise der Kreis zum Fall Lange - von Rechts wegen nicht beizukommen. Die heutigen Verwalter von Falladas Erbe bemühen sich, dieses Geschichtsthema herunterzuspielen. Etwa der Pressespiegel der jüngsten Ausgabe des "Salatgarten", Zeitschrift für die hfg-Mitglieder in aller Welt, wählt so tendenziös aus und lässt weg, wie es die DDR-Behörden nicht konsequenter vermocht hätten.

Diese umfassende Publikation ist geeignet, eine neue Debatte anzuregen. Sabine Lange hat mit dem Buch nicht nur einen schlüssigen Rehabilitierungsversuch unternommen, sondern sie schafft auch Öffentlichkeit für Dokumente und Fakten, die bislang nicht bekannt waren oder nicht in einen Zusammenhang gestellt werden konnten. Dieses Projekt ist gegen einige Widerstände zustande gekommen, was die Autorin in dieser spannend zu lesenden Dokumentation als couragierte Hauptfigur erscheinen lässt."Fall ad. a.", wird am Anfang des Buches erklärt, las der junge Rudolf Ditzen, der sich später Hans Fallada nennen würde, auf den Aktenrücken der abgeschlossenen Fälle im Arbeitszimmer seines Vaters, des Reichsgerichtsrates Wilhelm Ditzen. Der Fall Sabine Lange sollte nicht zu den Akten gelegt werden.

Sabine Lange: Fallada. Fall ad acta? Sozialistische Erbepflege und das Ministerium für Staatssicherheit. Edition Temmen, Bremen 2006. 144 Seiten, 12,90 Euro, ISBN 3-86108-089-3

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