Die Archivarin und ihr Nutzer

Nordkurier - 06.07.2007 Verlust - Sabine Lange reicht in einem Roman nach, was sie dokumentarisch nicht hätte veröffentlichen können.
Zwischen Sabine Langes Gedichten und der juristisch belagerten Studie "Fallada - Fall ad acta?" zur Stasi-Überwachung der Mecklenburger Literaturszene war noch Platz für einen autobiografischen Roman. Die Freiheit der Prosa eröffnet der früheren Fallada-Archivarin jenen Spielraum, der ihren Erinnerungen mehr Plausibilität zugesteht, als es eine zum Teil geschichtsrevisionistische Öffentlichkeit erlauben würde. Die Autorin hat eine feinfühlige und nachdenkliche Ich-Erzählerin hinter ihrem Schreibtisch im Feldberger Eichholz Platz nehmen lassen. Ein wahrhaft paradiesischer Ort mit "schönen Zutaten. Lange Spaziergänge und Bücher, einen Garten." Ein unauffälliges Glück "und als Glück nicht mehr sichtbar". In der Nussschale des Feldberger Mikrokosmos sind die Grundbestandteile des DDR-Lebens exemplarisch aufgehoben: Geborgenheit, Ordnung und Sicherheit. Das Abweichen von den Regeln macht Angstträume. Der Verlust ihres Schlüsselbundes konnte ein solcher Angsttraum sein. Mit den Schlüsseln, mit denen sie die Stahltüren zum Nachlass des großen Dichters hütete, garantierte sie auch für ein öffentliches Bild, das unter kulturstaatlicher Deutungshoheit stand. Es ist ein Gast aus Amerika, der nicht nur etwas Unwägbares in ihr Leben brachte, sondern auch in die idyllische Kleinstadt. Sie verflucht das Schicksal, das ihr John Runnings schickte. "Hierhin, wo ich die DDR überwintern wollte." John holt hervor, was sie verdrängt, um an diesem Ort leben zu können. Sie ist von dem jungen Germanisten fasziniert, wenngleich sie sich ihrer Gefährdung durch eine Beziehung zum "Klassenfeind" stets bewusst scheint. John provoziert, indem er die Oberfläche des normalen Lebens zerstört und mit seiner Paranoia spielt. Er könne hier nicht arbeiten. "Es riecht nach SED! Hier unter den Bäumen…" Er bringt die Archivarin in eine groteske Verteidigungslage: "Es riecht nach Chlorophyll, sage ich leise." Sabine Lange schildert auf originäre Weise, was das DDR-Regime als Zersetzung fürchtet. Nicht als ideologische Floskel, sondern als realen Vorgang des Bewusstwerdens von Denkalternativen. Die Archivarin verliebt sich in John. Die verwalteten Texte von Hans Fallada werden für diese Beziehung Medium und Stichwortgeber zugleich. Wenn auch manchmal in verfänglicher Weise. "Ich habe heute Nacht nicht onaniert", schreibt der Amerikaner auf ein Blatt Papier. Das Zitat aus dem Gefängnistagebuch von Hans Fallada kann die Archivarin nicht gleich als solches erkennen. Die literarischen Orte Falladas werden für beide zum Elysium. Etwa am Meer. "Dorthin, wo Johannes Gäntschow stolz über seine Felder ritt…" Die Archivarin ist nicht so liebestrunken, dass sie hinter dem Interesse an dem jungen Mann in den schmutzigen weißen Hosen und abgetragenen Sandalen nicht ein anderes Begehren ausmachen kann. "Manchmal frage ich mich, ob ich ihn oder den Westen berühren wollte." Sie räumt die "Sehnsucht nach der schwingenden Golden Gate Bridge" ein. John missbraucht ihr Vertrauen. Bei einer Grenzkontrolle findet man unerlaubte Fotokopien von Archivdokumenten. Für einige Wochen wird die Archivarin suspendiert, muss das Schlüsselbund abgeben, wird wieder eingestellt und ist nun Anwerbungsversuchen der Stasi ausgesetzt. Der Fall der Mauer bringt ihr den Westen näher, aber nur zum Teil Gewissheit, ob John sie tatsächlich verraten hat. Runnings ist bei einem Verkehrsunfall umgekommen. Auf der Suche nach der Wahrheit bleiben ihr nur die Stasi- Akten. Jetzt sind es die alten Racheengel, die dafür sorgen, dass sie endgültig das Schlüsselbund abgeben muss. Dieser parabelhafte, in Rechtfertigungsprosa gehaltene Schluss leidet unter dem Verlust einer erzählerischen Qualität, die über weite Textstrecken dem Leser in fabelhaften Bildern die Spielarten des ostdeutschen Glücks und seine Gefährdungen vorführt. Wenn etwa die Archivarin in einer Kirche Trost findet, indem sie der Ziege namens Phryne Bachs Toccata und Fuge d-Moll auf der Orgel vorspielt. Hier werden subtile Stimmungsfarben gesetzt.

Detlef Stapf - Sabine Lange: Schlüsselbund. Rugerup Verlag, Hörby/Schweden 2007, 198 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 978-91-89034-17-4

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Leserbrief - Hannover, April 2008

Sehr herzliche Gratulation, liebe Frau Lange!

Mit großer Lese-Lust habe ich Ihr Schlüsselbund geradezu verschlungen – und es ist mir keineswegs im Halse steckengeblieben, ganz im Gegenteil, es ging mir flüssig runter wie ein sehr gutes italienisches 'Olivenöl Extravergine'. Sie haben es wirklich sehr gut verstanden einen 'Tatsachenbericht' in liebenswerte, lesbare Literatur zu verwandeln, wobei, wie ich finde, Ihnen die leicht schwebenden Übergänge von den Tatsachen zur Fiktion außerordentlich gelungen sind. Die Beschreibung der langsam in Ihnen erwachenden Liebe, der ganzen dargelegten Lebensumstände, das Hin und Her bei und während Ihrer Arbeit, ist wirklich hohe Prosa im wahrhaften Inhalt des Wortes. Zudem haben Sie im besten Sinne Falladas 'Eine Geschichte und Geschichten' und 'Erlebtes, Erfahrenes und Erfundenes' miteinander verbunden. Chapeau!

Aber nicht nur mir, der ich ja zumindest halbwegs durch die HFG Ihr Erlebtes kenne, nein liebe Frau Lange, auch meiner Frau – sie war nur einmal 1986 mit mir vor Ort in der jetzigen Feldberger Seenlandschaft und die damalig Aufsichtführende Dame im Haus in Carwitz konnte sogar freundlicherweise noch ein Treffen mit Frau Ditzen in Feldberg arrangieren – hat Ihr Roman ausnehmend gut gefallen. Sie war sehr angetan von der lebendigen Erzählkunst mit der Sie die damaligen, von den Außenstehenden doch schwer nachzuvollziehenden, Lebensumstände in der DDR beschrieben haben. Sie haben geschafft, einen ganzen Lebensbereich der bisher als nicht erzählbar schien, mit Leben zu füllen und in die deutschsprachige Belletristik einzubringen. Dafür gebührt Ihnen Lob und Dank! Dass, und wie lebendig Sie erzählen und schreiben können, habe ich natürlich schon beim "Fall ad acta" gemerkt und genossen. So freue ich mich schon jetzt auf Ihr nächstes 'Erzeugnis' und kann nur hoffen, Sie bzw. Ihr Verlag werden es mir rechtzeitig annoncieren.

Michael Rother.