Grammatik der stummen Rede

Nordkurier - 25.11.2006
Grammatik der stummen Rede - Von Detlef Stapf Feldberg.

"Verschwiegene Gedichte" ist nach "Das Ohr meiner Katze" in diesem Jahr bereits der zweite Lyrikband, mit dem Sabine Lange ihr Publikum überrascht. Diese Sammlung fällt opulenter aus, ist wesentlich stärker in der poetischen Aussage und verzichtet nicht mehr auf den verrätselten Vorhang, hinter dem sich die Biografie der Feldberger Autorin verbirgt.
Der Titel verweist explizit auf die Umstände, unter denen die Texte in der 80er-Jahren entstanden sind. Es handelt sich um ausgewiesene Zeugnisse der Selbstzensur in der DDR, deren komplexe Motivstruktur für den heutigen Leser als kaum noch nachvollziehbar erscheint. Wer jedoch in der Erinnerungsdokumentation "Fallada - Fall ad acta?" über die stasibespitzelten Lebensumstände der früheren Fallada-Archivarin gelesen hat, versteht vielleicht manchen Rückzug des lyrischen Ichs aus irrationalen Ängsten heraus.
In den Zeilen "Die Nächte sind in Angst gelegt/ Ein leiser Ton hat sich befreit/ Aus meines Zimmers Schweigewerk/ Und quillt aus meiner Einsamkeit" wird das gefühlte Eingesperrtsein thematisiert. Man erinnere sich auch daran, dass Sabine Lange eben diese Texte 1999 nicht in einer Veranstaltung des Literaturzentrums Neubrandenburg - wie sie sagt, "einem Ort der Unfreiheit" - lesen wollte und die folgende Maßregelung aus ihrer Sicht zur Kündigung als Fallada-Archivarin führte. Da nun die "Beweisstücke dieses wohl einmaligen Nachwendevorgangs vorliegen, kann man durchaus das peinliche Unverständnis nachvollziehen, auf welches die Autorin in der völlig anders "gepolten" Runde gestoßen wäre. Für die Seelenentäußerung der Poesie gibt es schon so etwas wie die Peinigung durch die Umstände. Keinesfalls jedoch legitimiert sich die Auswahl durch den historischen Kontext, schon gar nicht liegt hier Dissidenten-Lyrik vor. Es wird mit anrührender Authentizität die Trauer über ein unfreiwillig reduziertes Leben verhandelt. Selten offenbart sich eine so hermetische Grammatik der Selbstverständigung über die innere Zensur, das Stummsein, das Schweigen, das schwierige Zurechtkommen.
"Ich will gelassen sein/ doch meine Haut/ löst sich ab/ von den Knochen/ mit dem letzten/ wenigstens/ erschlag ich" - solche Sprache entzieht sich der Objektivität der Verhältnisse. Die "Haut" ist hier auch Metapher für das schützende Gedicht, ohne das die Autorin vermutlich nicht lebensfähig gewesen wäre. In der Text-Haut allerdings weiß sie sich einzurichten, denn "Hier fließt auch das Wasser/ Von der Quelle her/ Denk nicht an die Gipfel/ Mit der Sicht aufs Meer" oder in der "Müdigkeit ist auch Energie", wenn nichts hilft, geht "Die Übelkeit in Lachen über".
Im Grunde muss man den heiteren Grundton des früher erschienenen Bandes "Immer zu Fuß" für das ganze Bild dazudenken, da beide Sammlungen aus dem selben Zeitraum separiert wurden.

Viele Texte des neuen Bandes stehen in der Tradition der Elegie, ohne an formale Kompositionen gebunden zu sein, und erinnern in den finalen poetischen Alternativen an die Gedichte von Helga M. Novak. In keinen der 108 Texte ist das Moment der Hoffnung eingebaut. Höchstens mit einer sarkastischen Dialektik bringt sich Sabine Lange in ihre Zukunft. "Du,/ das ist kein trauriges L o s/ das ist erst der Anfang." heißt es in den letzten Zeilen der letzten Seite. Allerdings bleibt der Ton dieses Bandes noch lange im Ohr, der eines wunderschön dunkel gespielten Cellos.

Erschienen ist der Band in der Edition Rugerup der Übersetzerin Margitt Lehbert, die sich sofort für die Gedichte der international noch nicht etablierten Autorin interessiert hat. In der erlesenen Lyrik-Reihe befindet sich Sabine Lange in bester Gesellschaft. Neben dem Werk des großen australischen Dichters Les Murray bringt der schwedische Verlag die Texte von Don Coles, Robin Fulton, Ian Galbraith, Gabriel Rosenstock und John Montague heraus.

Im kommenden Jahr soll in der Edition ein autobiografischer Roman von Sabine Lange erscheinen.

Sabine Lange: Verschwiegene Gedichte. Edition Rugerup, Hörby (Schweden) 2006, 127 Seiten, 16,90 Euro, ISBN 91-89034-12-0.

[Fenster schliessen]